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„Es gibt keine sichere Distanz“

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Stuttgart – Karl Traub hatte kein Interesse. Er habe, schrieb der christdemokratische Vorsitzende des baden-württembergischen Agrar-Ausschusses an den Grünen-Parlamentarier Bernd Murschel, die Mitglieder „abgefragt“. Doch keiner – außer eben Murschel – könne an einem Gespräch mit Percy Schmeiser teilnehmen. Murschel möge eben einen „individuellen“ Termin ausmachen. Mit Aktenzeichen I / 2.4 vom 29. November 2007 war der Fall für den CDU-Ausschussvorsitzenden erledigt. Auch der Bundestags-Agrarausschuss wollte nicht.

Das offizielle Deutschland gab sich insgesamt sehr zugeknöpft. Vielleicht weil der kanadische Biobauer Percy Schmeiser und Träger des alternativen Nobelpreises (2007) längst zur Kultfigur der Gentechnikgegner avancierte. Der 77-jährige Rapsfarmer und Rapszüchter steht mit seiner Biografie für den Kampf von Kleinbauern gegen Agro-Gentechnikkonzerne. Obwohl seine Anbaufläche rund 650 Hektar umfasst, fand sich nach der Freigabe von gentechnisch verändertem Mais, Raps, Soja und Baumwolle im Jahr 1996 auf einmal auch auf seinen Feldern Genraps.

Komische Radieschen

Monsanto, der Saatgutkonzern, verklagte Schmeiser daraufhin wegen nicht erlaubten Anbaus ihrer patentierten Organismen auf mehr als 100 000 Dollar Schadenersatz und beanspruchten seine Ernte. Bis der Fall vor dem Obersten Bundesgericht landete, lag die Forderung bei einer Million kanadischer Dollar. Schmeiser verlor den Prozess gegen den Multi 1998 – und sagte Monsanto den Kampf an.

Nun sitzt Schmeiser, ein älterer Herr in Anzug und Krawatte, im Stuttgarter Sitzungssaal der Landtagsgrünen. Er war schon in Schrozberg, Ellwangen, München. Soltau, Weimar und der Oderbruch steht noch auf dem Tourplan. 44 Termine in vier Wochen. Überall stößt er auf Rieseninteresse. Ob im überfüllten Kursaal oder im „bumpvollen“ Löwenbräukeller.

Percy Schmeiser hat stets dieselbe Botschaft: „Es gibt keine sichere Distanz.“ Selbst über Hunderte Kilometer hinweg tauchten, wie sein Fall zeige, „Auskreuzungen“ auf. Maispollen flögen weit. Rapseinkreuzungen fänden sich sogar in Radieschen oder Blumenkohl. „Es ist nicht klar, ob das jemals rückholbar ist“, sagt Schmeiser. Obwohl in Kanada seit zwölf Jahren keine neuen gentechnisch veränderten Pflanzen (GVO-Pflanzen) mehr erlaubt sind, sind 80 Prozent der Anbauflächen kontaminiert. Wer als kanadischer Farmer gentechnikfreien Honig oder Raps verkaufen wolle, habe da „keine Chance“. In Deutschland, sagt Schmeiser, sei es noch nicht zu spät. Noch gibt es keinen regulären Anbau von GVO-Pflanzen. Nur Versuchsfelder, auch in Baden-Württemberg. Agrarminister Peter Hauk (CDU) plädierte für eine „Koexistenz“ als Gesetzeszweck. Letztlich müsse der Verbraucher entscheiden, ob er genveränderte Lebensmittel essen wolle oder nicht. Das ist die offizielle Koalitionslinie. Doch Bio-Bauer Schmeiser warnt: Wenn man in Deutschland den Anbau von GVO-Pflanzen erlaube, sei das, „wie wenn man einen Schalter umlegt“. Auch der Grüne Murschel ist überzeugt: „Einmal Einstieg, kein Zurück mehr.“

Er sieht sich in Übereinstimmung mit den meisten Landwirten und der Bevölkerung. In mehreren Umfragen lehnten zwischen 75 und 80 Prozent der Deutschen Gen-Lebensmittel ab. Er spüre hier „viel Betroffenheit“, sagt Schmeiser. Doch das allein reiche nicht. „Keine GVO sollten erlaubt sein.“

Auch für ihn persönlich ist der Kampf nicht zu Ende. Am 23. Januar wird seine Gegenklage verhandelt. Schmeiser dreht den Spieß um und verlangt von Monsanto wegen „unkontrollierter Verseuchung“ seiner Anbauflächen Schadensersatz.

gefunden bei: Köllner Stadtanzeiger

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Written by genfood

15.Januar.2008 um 11:12

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