Monsanto

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Der Streit um die grüne Gentechnik geht weiter

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Brigitte Zarzer 08.04.2008

Percy Schmeiser freut sich, Rumänien erwägt ein Verbot von GV-Mais und deutsche Forscher ärgern sich über die Dreistigkeit von Monsanto

Der aufgrund eines jahrelangen Rechtsstreits mit dem Agro-Gentech-Konzern Monsanto weltweit bekannte kanadische Farmer Percy Schmeiser erhält eine kleine Summe Schadenersatz. Für den scharfen Monsanto-Kritiker hat der Konzern damit die Verantwortung für gentechnische Verunreinigungen eingeräumt. Indes wächst in Europa die Skepsis weiter. Nachdem Frankreich vor kurzem den Monsanto-Mais MON 810 verboten hat, denkt nun auch der rumänische Agrarminister laut über ähnliche Schritte nach. In Deutschland hingegen könnte der umstrittene GV-Mais bereits in den nächsten Wochen wieder ausgesät werden. Und das obwohl es selbst von behördlicher Seite große Bedenken über die Umweltverträglichkeit gibt.

Es war ein jahrelanger Kampf nach dem Muster David gegen Goliath, den der kanadische Farmer Percy Schmeiser gegen den Gentech-Riesen Monsanto ausfocht. Das Unternehmen hatte ihm unerlaubten Anbau von Gentech-Raps vorgeworfen. Schmeiser hingegen betonte immer wieder, dass seine Felder verunreinigt worden wären. Schließlich entschied das kanadische Gericht in der Patentfrage zugunsten von Monsanto. Schmeiser musste aber keinen Schadenersatz zahlen, da er keinerlei Vorteile aus der Ernte gezogen hätte (vgl. Percy Schmeiser verliert gegen Monsanto (1)).

Im Jahr 2005 schließlich fand Schmeiser erneut Monsanto-Rapspflanzen auf seinen Feldern und ließ diese entfernen. Was dann folgte, schildert die Website (2) des kanadischen Farmers wie folgt:

–„Da in einem ersten außergerichtlichen Einigungsversuch Monsanto nicht bereit war, die Rechnung über 660$ zu zahlen verklagte Schmeiser die Firma vor Gericht. Monsanto hätte nur unter der Auflage den Schaden bezahlt, dass Schmeiser eine Schweigevereinbarung über die Sache unterzeichnet hätte, die ihm oder seiner Frau für den Rest ihres Lebens das Recht entzogen hätte, jemals über den Fall öffentlich zu sprechen oder Monsanto wegen Kontamination ihrer Ernte in Zukunft vor Gericht zu belangen. Schmeiser lehnte ab. Die von Monsanto erhobenen Bedingungen seien sittenwidrig.“–

Am 19. März dieses Jahres kam es einer Presseaussendung zufolge dann plötzlich doch zu einer außergerichtlichen Einigung und einem Verzicht auf die Schweigeverpflichtung. Für den kanadischen Farmer hat der Konzern damit die „Verantwortung für die Kontamination auf seinen Feldern eingeräumt.“ Monsanto selbst spielt die Causa in der Öffentlichkeit herunter. Man hätte mit etlichen anderen Farmern ähnliche Vereinbarungen getroffen, der Gang Schmeisers zum Gericht hätte lediglich unnötige Kosten für ihn verursacht, wird der Konzern in Marketwire (3) zitiert. Auf die mit den Vergleichen angeblich immer verbundene Verschwiegenheitsklausel, die Schmeiser ein Dorn im Auge war, wird in dieser Meldung nicht näher eingegangen.

Interessant ist aber, dass Monsanto in dieser Darstellung einräumt, dass es offensichtlich immer wieder Verunreinigungen anderer Felder gibt. Der Konzern spricht von sechzehn Fällen im Jahre 2007, in denen Roundup-Ready-Raps in Kanada auf anderen Feldern auftauchte und wo der Konzern die Entsorgungskosten übernommen hätte. Der Gentech-Raps ist in Kanada inzwischen zu einem lästigen Unkraut geworden, das oft dort auftaucht, wo es keiner wollte und Landwirten, die völlig andere Kultursorten anbauen, Probleme in der Bewirtschaftung der eigenen Felder bereitet.

Frankreich hui, Deutschland pfui?

Während Schmeiser durch die Lande tourt und gegen Monsanto und Agro-Gentechnik wettert, wird der Widerstand auch auf politischer Ebene stärker. Zumindest auf nationalstaatlicher Ebene in Europa. Frankreich verhängte heuer ein Moratorium über Monsantos MON 810-Mais. Die Regierung Sarkozy folgte damit den Bedenken eines Wissenschaftsausschusses (4), der sich kritisch zu möglichen Folgen für die Umwelt äußerte. In Österreich und Ungarn ist diese Maislinie bereits seit längerem verboten. In Rumänien stellte Minister Attila Korodi jüngst ähnliche Überlegungen an. Bei einem Empfang von Greenpeace und des rumänischen Bio-Farmerverbands stellte er ebenfalls ein Verbot in Aussicht. Interessant ist das vor allem deshalb, weil Rumänien aufgrund des großflächigen Gentech-Soja-Anbaus vielen Kritikern als „Einfallstor“ der Agrogentechnik in den Westen galt (vgl. Geht die Gen-Saat im Osten auf? (5)).

Die Bedenken gegen MON 810 sind vielfältig. So wären die Risiken wie z.B. schädliche Wirkungen auf Schmetterlinge nicht ausgeräumt, sagen kritische Experten. Außerdem gibt es Berichte zu Schwankungen des Toxin-Gehalts. Nach Darstellung von Antje Lorch und Christoph Then, die dem Vorstand bzw. dem Beirat des Gen-ethischen Netzwerks Berlin (6) angehören, führen nicht nur schwankende Temperaturen und unterschiedliche Düngergaben, sondern zum Beispiel auch der Einsatz von Spritzmitteln zu Schwankungen des Gehaltes von Insektengift in dem gentechnisch veränderten Mais: „Die Bekanntheit des Gehaltes an Insektiziden ist aber für eine Abschätzung der Risiken, die mit dem Anbau des so genannten MON 810-Mais verbunden sein können, unabdingbar“, betonen die Gentech-Kritiker Lorch und Then, die eine Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen zum Toxin-Gehalt genauer unter die Lupe genommen haben. „Wie soll ohne das Wissen um den genauen Gehalt des Insektizids in dem gentechnisch veränderten Mais eingeschätzt werden, welches Risiko zum Beispiel für Bienen und Schmetterlinge entsteht? Besonders auffällig ist jedenfalls“, konstatiert Then, „dass viele der gemessenen Werte nicht mit denen aus den Antragsunterlagen der Firma Monsanto übereinstimmen.“

In Deutschland hingegen könnte MON 810 bereits in den nächsten Wochen wieder ausgesät werden. Dabei ist der Kurs von Agrarminister Horst Seehofer nicht wirklich durchschaubar. Vergangenes Jahr wurde der Verkauf von MON 810-Saatgut aufgrund befürchteter Umweltauswirkungen verboten, allerdings zu einem Zeitpunkt als die Landwirte das Saatgut bereits geordert hatten (vgl. Umpflügen statt Gen-Mais ernten? (7)). Monsanto sollte damals einen Monitoringplan vorlegen. Der Konzern tat dies und der Verkauf wurde wieder zugelassen. Allerdings hält sogar das Bundesamt für Naturschutz das Monsanto-Monitoring für kaum geeignet, um die Auswirkungen auf die Umwelt zu beurteilen.

Für Empörung sorgte der Monitoring-Plan auch bei einigen Wissenschaftlern. Der Konzern hatte etwa erwähnt, dass man das „Tagfalter-Monitoring“, welches am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig koordiniert wird, in den Monsanto-Monitoring-Plan einbeziehen würde. Die Wissenschaftler hatten davon allerdings keine Ahnung. Es hätte keinerlei Kontakt zwischen den Projektbetreibern und dem Konzern gegeben, betonen PD Dr. Josef Settele, Dr. Reinart Feldmann und Elisabeth Kühn vom Tagfalter-Monitoring (8) in einer Pressemitteilung. Darin halten die Wissenschaftler außerdem fest:

–„Wir möchten verhindern, dass Daten, die von ehrenamtlichen Naturfreunden gesammelt werden, um u.a. zum Erhalt der Natur beizutragen, zweckentfremdet werden – bis hin zu einem Freibrief für den Anbau von genverändertem Mais in Deutschland. Wir machen den Vorgang mit dieser Stellungnahme sowie weiteren Presseaktionen publik und behalten uns auch rechtliche Schritte gegen die Vereinnahmung und Zweckentfremdung unseres gemeinsamen Projektes vor!“–

Der Streit um die Agro-Gentechnik geht also weiter. Der Monsanto-Mais MON 810 wird derzeit einer Neubewertung durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) unterzogen. Ob die Bedenken von zahlreichen Wissenschaftlern dort Gehör finden, wird sich weisen.

gefunden bei: Heise Zeitschriften Verlag

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Written by genfood

8.April.2008 um 9:22

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