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Gift gegen den Hunger

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Während Nahrungsmittel weltweit knapp werden, steigt die Nachfrage nach Pestiziden, Kunstdünger und grüner Gentechnik. Der Bio-Landbau wird zurückgedrängt. Auch die Konsumenten denken um
Hans Theo Jachmann reibt sich die Hände. "Das Geschäft mit Pestiziden macht wieder Spaß", freut sich der Deutschland-Chef von Syngenta, dem weltgrößten Anbieter von Schädlingsbekämpfungsmitteln. Seit mehr als 15 Jahren ist Jachmann Geschäftsführer bei dem Agrochemie-Konzern, aber einen Boom wie dieser Tage hat er noch nicht erlebt. Gestern noch standen Firmen wie Syngenta am Pranger, jetzt werden ihnen Kunstdünger, Pflanzenschutzmittel und gentechnisch verändertes Saatgut aus der Hand gerissen. Um Nahrungsmittelknappheit und Preissteigerung zu bremsen, ist wieder all das gefragt, was die Öko-Bewegung hasst. Der Bio-Landbau gerät ins Hintertreffen.
Nach der Jahrtausendwende musste Syngenta mehrere Produktionsstandorte schließen, doch nun ist die Nachfrage so rasant gestiegen, dass das Unternehmen mit der Lieferung nicht mehr nachkommt. "Zusätzliche Werke sind schon in Planung", sagt Jachmann. Ein Umsatzplus von 40 Prozent verzeichnete der Spritzmittelhersteller im vergangenen Jahr, im ersten Quartal 2008 legte der Erlös noch einmal um 22 Prozent zu. Die Aktie schnellte an den Börsen in New York und Zürich in die Höhe.
Weltweit steht die Landwirtschaft nach Meinung vieler Experten vor einer Trendwende: Die globalen Nahrungsvorräte sind geschrumpft, immer mehr Menschen müssen von den Erträgen gleich bleibender Flächen leben. Der Generaldirektor der Welternährungsorganisation der UN, Jacques Diouf, hatte schon im Dezember 2007 erklärt: "Wir brauchen Mineraldünger, um die Welt zu ernähren."
Doch in Europa, wo bis vor kurzem Überfluss und Dumpingpreise im Lebensmittelhandel herrschten, sollte die Landwirtschaft weg vom industriellen Anbau und seinen verpönten Methoden. Der Glaube an den Segen von Bio und das Misstrauen gegen landwirtschaftliche Technologie wurden zugleich exportiert – in jene Länder, die jetzt unter der Krise zu leiden haben.
"Von den Prioritätenlisten der Entwicklungshilfeorganisationen und ihrer Geldgeber ist die Förderung des ländlichen Raums seit zwei Jahrzehnten verschwunden", klagt zum Beispiel Klaus Lampe. Er war bis 1995 Generaldirektor des Internationalen Reisforschungs-Instituts (IRRI) in Los Banos auf den Philippinen. Schon während Lampes Amtszeit musste das IRRI seinen Mitarbeiterstab von ursprünglich 3200 auf etwa 2000 reduzieren, und heute sind nur noch 1000 übrig.
Die Preise für Grundnahrungsmittel waren jahrzehntelang gleich geblieben oder sogar gesunken. Damit ist nun Schluss: Reis, der für die Menschen in vielen asiatischen Schwellen- und Entwicklungsländern das Hauptnahrungsmittel ist, kostet zum Teil doppelt so viel wie noch zu Jahresbeginn. Und bei Weizen sind die Lager aufgrund schlechter Ernten und hoher Nachfrage auf den niedrigsten Stand seit 25 Jahren gesunken. Das treibt die Preise weiter in die Höhe.
Gerade beim Reisanbau habe die Entwicklungspolitik versagt, meint Agrarexperte Lampe. 90 Prozent der weltweiten Reisproduktion werden unverarbeitet direkt verzehrt, bei Mais sind es dagegen nur 30 Prozent. "Für Privatunternehmen ist Mais attraktiver, denn mit Getreide, das zur Weiterverarbeitung bestimmt ist, lässt sich mehr Umsatz erzielen." Reisanbau und Forschung müssten also staatlich gefördert werden, doch Landwirtschaftsprojekte liegen seit langem nicht mehr im Trend. Wer sich in der Dritten Welt um Agrartechnik bemühen wolle, so Lampe, müsse sein Vorhaben als Bio-, oder Umweltprojekt tarnen. "Aber die viel gepriesene Bioproduktion kann lediglich einen Wohlstandsmarkt befriedigen oder Subsistenzbauern eine Existenz sichern, für den Rest der Welt ist sie bedeutungslos."
Der Bayer-Konzern hat die Zeichen der Zeit erkannt und erzielt Gewinn mit Präparaten, die zur Ertragssteigerung notwendig sind. Die Agrochemie-Sparte Bayer CropScience steigerte ihren Umsatz zuletzt um knapp elf Prozent, im Vergleich zu einem Plus von 2,4 Prozent für den Gesamtkonzern. Jährlich 500 Millionen Euro investiert Bayer CropScience in Pflanzenschutzforschung. "Das ist das höchste Forschungsbudget in unserem Industriezweig", sagt Vorstandschef Friedrich Berschauer. Bayers Forscher entwickeln unter anderem selektiv wirkende Mittel, die jeweils nur einen spezifischen Schädling vernichten, nicht aber nützliche Insekten wie Bienen.
Um die stark wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, muss die vorhandene Fläche effizienter bewirtschaftet werden, darüber sind sich die Fachleute einig. Was nichts anderes bedeutet, als dass auf den gleichen Feldern mehr Mais, Weizen, Reis oder Soja geerntet werden muss. Denn die Fläche auszuweiten ginge auf Kosten der Wälder, und das wäre kaum möglich, ohne das ökologische Gleichgewicht empfindlich zu stören. Viele setzen daher ihre Hoffnung auch auf die Gentechnik. Wo die klassische Züchtung versagt, soll sie helfen, die Pflanzen widerstandsfähiger zu machen gegen Schädlinge und Krankheiten. Denn durch sie geht zum Beispiel bei Getreide zwischen Aussaat und Verarbeitung etwa die Hälfte des Ertrags verloren.
Die Consultative Group on International Agricultural Research (CGIAR), ein Zusammenschluss mehrerer Staaten, Stiftungen und Organisationen, schätzt, dass Biotechnologie die Produktivität in der Landwirtschaft weltweit um ein Viertel steigern könnte. So seien durch den Einsatz von Gentechnik in den vergangenen zehn Jahren schon bedeutende Fortschritte erzielt worden. Laut CGIAR hätten die USA allein dadurch den Maisanbau zwischen 1996 und 2005 fast um ein Drittel steigern können.
Davon profitiert vor allem der US-amerikanische Saatguthersteller Monsanto. Nach Südamerika verkauft der Biotechnik-Konzern zum Beispiel die "Roundup Ready"-Sojapflanze, die gegen ein bestimmtes Pflanzengift resistent ist. Spritzen die Bauern Gift, vernichten sie zwar jedes Unkraut, aber nicht die Sojapflanze.
Gut 8,6 Milliarden Dollar hat der Konzern im vergangenen Geschäftsjahr umgesetzt und allein im zweiten Quartal den Umsatz um 45 Prozent auf 3,8 Mrd. Dollar erhöht. Der Gewinn stieg um 107 Prozent auf 1,1 Milliarden Dollar. "Das Geschäft mit Saatgut hat sich zu unserem Wachstumsmotor entwickelt", sagt Monsanto-Sprecher Andreas Thierfelder. Den Vorwurf, das Saatgut sei zu teuer für die Armen und könne daher nicht gegen die Nahrungsmittelkrise helfen, will er nicht gelten lassen. "Von zehn Millionen Kunden sitzen acht Millionen in Entwicklungs- und Schwellenländern", sagt Thierfelder.
Verändert hat sich offenbar auch die Einstellung der Deutschen zur Gentechnik. Laut einer Umfrage der Marktforscher von Emnid schwindet mit der Debatte um die Nahrungsknappheit die ablehnende Haltung: 56 Prozent gaben an, dass sie genmanipulierte Nahrung essen würden, wenn so die drohende Hungerkatastrophe abgewendet würde. 13 Prozent hätten damit keine Probleme, 43 Prozent sagten, dass sie "Bedenken" hätten. Männer sind dabei deutlich weniger kritisch als Frauen. Und je jünger die Befragten waren, desto aufgeschlossener waren sie. Zwei Drittel der 14- bis 49-Jährigen würde Gen-Food essen, wenn dies helfen würde, die Hungerkrise zu bekämpfen.

gefunden bei: Welt Online

"Die Welt" stellt sich immer mehr in den Vordergrund als Sprachrohr der großen Wirtschaftsunternehmen und verzichtet hier wohl – auch wegen des Geldes aus der Werbung – weitesgehend auf kritischen Journalissmus

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Written by genfood

8.Mai.2008 um 11:51

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